Hermann Naehring – Schlagzeuger, Komponist und Klangforscher

Hermann Naehring bewegt sich an der Schnittstelle von Rhythmus, Klang und Forschung. Als Schlagzeuger ist er gleichermaßen in improvisierten wie in komponierten Kontexten zu Hause; als Komponist denkt er oft in skulpturalen Klangräumen und als Klangforscher interessiert ihn die Sozialität des Hörens. Mehr Informationen gibt es auf Hermann Naehring.

Hermann Naehring

Werdegang und künstlerische Entwicklung

Naehring begann seine musikalische Laufbahn mit klassischem Schlagzeugunterricht, doch sehr schnell öffnete er seinen Blick für freie Improvisation und elektronische Erweiterungen. In den frühen Jahren war das Interesse an Percussion noch stark auf Technik und Groove gerichtet. Mit der Zeit verschob sich der Fokus: heute stehen Klangstruktur, Raumwirkung und das Zusammenspiel mit nichttraditionellen Schallquellen im Mittelpunkt.

Schlagzeug als Forschungsinstrument

Für Naehring ist das Schlagzeug mehr als ein Begleitinstrument. Er betrachtet es als eine Plattform, um akustische Phänomene sichtbar zu machen. Mit Mikrofonierung, Kontaktpickups und digitalen Prozessoren experimentiert er damit, wie Schläge in Klanglandschaften transformiert werden können. Diese Herangehensweise macht sein Spiel oft textural: der Impuls bleibt wichtig, aber das Resultat ist häufig eine langsame Entfaltung von Obertönen und Resonanzen.

Techniken und Erweiterungen

Er setzt sowohl traditionelle Stocktechnik als auch Prepared-Drumming ein. Kleine Gegenstände, Ketten oder ungewöhnliche Mallets verändern die Oberflächen, Saiten, Resonatoren und sogar elektronische Module werden in das Set-Up integriert. Diese hybriden Setups erlauben ihm, zwischen perkussiver Direktheit und ambienten Feldern zu wechseln. Manchmal ist ein einziger, gezielt gespielter Schlag der Ausgangspunkt für minutenlange Veränderungen.

Kompositorische Praxis

Als Komponist balanciert Naehring Struktur und Offenheit. Seine Partituren enthalten oft grafische Elemente, improvisatorische Freiräume und konkrete Anweisungen zur Raumaufteilung und Mikrofonierung. Solche Kompositionen lesen sich wie Baupläne für akustische Architekturen: wer spielt wo, wie sollen Klänge zueinander stehen, und welche Umweltgeräusche dürfen mitwirken? Diese Fragen sind zentral, weil Naehring Klang nicht isoliert, sondern als soziales Ereignis denkt.

Klangforschung und interdisziplinäre Projekte

In seiner Forschung beschäftigt sich Naehring mit Wahrnehmungsfragen: Wie verändert sich das Hören in unterschiedlichen Räumen? Welche Rolle spielt die Erwartung des Publikums? Solche Themen führt er in Workshops, Vorträgen und kollaborativen Projekten zusammen, oft in Austausch mit Architekten, Klangkünstlern und Wissenschaftlern. Seine Projekte sind deshalb selten rein musikalisch; sie sind performative Experimente über das Hören selbst.

Installationen und Raumprojekte

Ein wiederkehrendes Element sind Klanginstallationen, bei denen Besucher nicht nur passiv hören, sondern den Klang mit ihrem Verhalten modulieren. Naehring nutzt Sensorik, einfache Mechanik und elektroakustische Mittel, um Feedback-Schleifen zu schaffen. In solchen Settings zeigt sich sein Interesse an der Grenze zwischen Komposition und Situation: die Notation skizziert Bedingungen, die dann live und unvorhersehbar werden.

Zusammenarbeit und Aufführungen

Naehring arbeitet häufig im Ensemble, aber auch in Duo-Besetzungen oder solo. Er hat sich in Szenen etabliert, die improvisatorische Freiheit mit konzeptioneller Strenge verbinden. Seine Partner kommen aus sehr verschiedenen Bereichen: Jazz, zeitgenössische Musik, elektronische Avantgarde oder bildende Kunst. Diese Interdisziplinarität ist für ihn kein Lippenbekenntnis, sondern ein praktisches Prinzip der Arbeit.

  • Festivalauftritte: kleine Clubs bis experimentelle Festivals
  • Kollaborationen: Duos mit Bläsern, Ensembles für neue Musik, Kooperationen mit Medienkünstlern
  • Lehre: Workshops zur Klangproduktion und Performance

Ausgewählte Werke und Veröffentlichungen

Seine Veröffentlichungen dokumentieren sowohl dokumentarische Aufnahmen von Konzerten als auch konzeptuelle Studioarbeiten. Viele Stücke spielen mit Dauer, Wiederholung und mikrotonalen Verschiebungen. In mehreren Projekten hat er Field Recordings eingearbeitet, wodurch Außen- und Innenräume klanglich überlagert werden.

  1. “Resonanzräume” – eine Reihe experimenteller Liveaufnahmen
  2. “Kontaktflächen” – Solo-EP mit präpariertem Schlagzeug
  3. “Assemblage” – kollaboratives Album mit Elektronikern und Bläsern

Lehre, Vermittlung und Wirkung

Naehring ist auch als Vermittler aktiv. In Workshops legt er Wert auf Zugänglichkeit: Klangexperimente sollen nicht elitär sein, sondern zum Ausprobieren einladen. Viele Teilnehmende berichten, dass seine Übungen das Hörvermögen schärfen und den Blick für das Zusammenspiel von Klang und Raum öffnen. Diese pädagogische Dimension ist Teil seiner künstlerischen Praxis; die Forschung bleibt entwurzelt vom realen Austausch.

Warum seine Arbeit wichtig ist

In einer Zeit, in der Musik oft konsumorientiert ist, erinnert Naehrings Arbeit daran, dass Klang auch Wissen und Erfahrung transportieren kann. Er provoziert nicht der Provokation willen, sondern stellt Fragen: Wie hören wir? Welche Rollen übernehmen Ausführende und Publikum? Seine Arbeit fordert, ohne zu belehren. Und sie bereichert die Kultur des experimentellen Musizierens um eine reflektierte, handwerklich versierte Perspektive.

Wer sich für die Vielfalt von Schlagzeug, Komposition und Klangforschung interessiert, findet in Naehrings Werk eine spannungsreiche Schnittmenge aus Praxis und Theorie. Manchmal ist das direkt, laut und körperlich. Manchmal ist es leise, fast nur als Vibration spürbar. Beides gehört zusammen.

By James